Penatencup

thumbs/bardo3.jpg "Eh du bist total fett!" höre ich, als ich schwitzend mich endlich meiner Mopedkleidung entledigen kann. Wir schreiben den soundsovielten Mai 2006, ein Freitag!
Tatsache ist eine latente Neigung zum Vielfraß. Sollte ich zu wenig Motorrad fahren? Egal- jedenfalls trafen Peter und ich über eine Distanz von 2x200 km bei Bardo ein, in Berlin.
Und solange Peter nicht an meinem Motorrad rumnörgelt ist alles im Grünen.

Peter war stiloser Weise mit einem Auto und Hänger vom Strelasund angereist, während ich mein stolzes Roß mit festem Griff von Dresden nach Norden trieb. Es geht doch nichts über die Vibrationen einer LC4. Am besten fasst man den Lenker gar nicht erst an. Je fester man zupackt desto taub.

Bardos Freundin ist ausgeflogen, denke ich indem ich mich leichten Herzens der, ich nenne sie mal 'Mittelstufe', meiner Bekleidung entledige um entspannter den Reiseplan für morgen früh zu schmieden. So eine Großstadt im Sommer- das ist schon was ich nicht brauch.
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Am nächsten Morgen ging es um 5.30 Uhr aus den Säcken und alle drei Karren wurden auf den genialen Hänger gestrapst. Eine Art Herr Lehmann war auch an diesem Morgen, jedoch im Prenzlauer Berg unterwegs (wo er, Herr Lehmann, nach eigenen Angaben ja nie freiwillig hingegangen wäre).
Der half uns sabbernd und engagiert beim Verladen bis seine Freundin ihn, vor zügig aufkeimendem Zorn bewahrend, mit sich nahm.
Bardo hat zum Glück noch in Berlin gemerkt das er seinen Ausweis vergessen hat. Das trug ihm schon vor dem Gefahre einen fetten Punktabzug ein. Damit führte er schon mal, ohne sich überhaupt einmal langgepackt zu haben. Weil er aber auf dem Sektor Orientierung durch uns sicher nicht zu überbieten ist führt er uns in Polen weitgehend an der Kralle herum mit seiner guten Karte auf dem Cockpit.
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Die ist chauvinistisch angehaucht mit ihren deutschen Ortsbezeichnungen. So habe ich mir wenigstens gemerkt, das Deutsche anscheinend den Namen Ihrer Heimatorte flux nach Osten transportiert haben. Schwein grüsst seine Gäste!
Nach dem Tanken in Slubice biegen wir gleich nach Norden ab, und vermehren den Staub am Rand der Oderniederung. Wir finden eine geeignete Fahrformation um nicht so viel Dreck zu schlucken, denn das Wetter ist traumhaft- jedenfalls um Baden zu gehen. Irgendwann gegen Mittag kommen wir an einen gurkigen Angelteich. An Erfrischung ist hier nur mit den Wasservorräten am Motorrad zu denken, denn auch ohne die vielen großen Gelbrandkäfer, die den toten Barsch im Wasser zerlegen, wäre die staubige Seele in solchem Schlamm nicht baden gegangen.
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thumbs/bardo1.jpgthumbs/bardo4.jpg Die Wege sind hier so lang, ich kann hier fahren das das Herz lacht. Kein Ort stört den Vortrieb, keine Strasse verleitet uns zum Bremsen.
Nein, wir tuckern hier eher unaufhaltsam (ACH NE SCHON WIEDER MUß SCHUBERT SEIN GEPÄCK NEU BEFESTIGEN) mit 60 die Wege lang und Peter muß darum immer sein Vorderteil hochholen weil ihm langweilig ist.
Ich bin doch etwas entäuscht von meiner Gepäcklösung. Mein kleiner Tankrucksack ist hinten auf die Sitzbank geschnallt, hat jedoch noch nie so schlecht gehalten wie heute, erst nachdem wir alle verfügbaren Spannriemen verbraten haben kann ich wieder sorglos durch die Gegend hüpfen.
Die andere Geschichte mit den Rucksäcken ist aber nicht minder grottig- einen zwei-kilo-schlafsack sowie Wasser auf dem Rücken zu tragen ist kein Spaß.
Aber jetzt, finde ich, streben wir echt locker auf die Obra zu und ahnen ja nicht was uns dort erwartet.
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thumbs/polen14.jpgthumbs/martin_biber.jpg Der Meister der Zahnpasten und Mundwasser, der Urhobel und Abrichter aller Dentösen, der breit grinsend verhöhnend die Kieferklempner, Nadelholz verschonende Burgherr der sumpfigen Pfühle, der Biber.
Hier in diesem Naturschutzgebiet um diesen kleinen Fluß hat er alles flachgelegt was er kriegen konnte- unglaublich.
Wir schnüren an dem natürlichen Flüsschen entlang, genießen die kleinen Steilauffahrten, wieder liegen mächtige Bäume, Opfer des Bibers, und wir müssen hoch auf die Böschung. Wenn nur nicht die miesen Stechfliegen wären. Eine echte Plage.
Die Luft steht und die Sonne brennt aber wir können nicht den Helm abnehmen denn sofort sind sie da. Wo?
Wegen ihrer unseeligen Geschwindigkeit sind sie auf dem Foto direkt als kleine Striche auszumachen.
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thumbs/bardo_ktm.jpg Bardo fährt seit kurzer Zeit mit meiner LC4 um auch mal das Sitzmöbel zu wechseln und seine gestressten Pfoten vom wilden KTM- Lenker locker machen zu lassen. Der Griff in den Topf mit der Schmerzlindernden Paste von Penaten würde jede Freundin jetzt anordnen, aber wir haben ja keine Creme. So sitze ich mal auf der leichten XT mit der guten Götz- Kupplung. Ein echter High- End- Griff, den er sich da für viel Geld geleistet hat.
Dennoch macht mir die Schaltung schwer zu schaffen denn ich kann den Motor nicht spüren (er vibriert fast nicht) und die Schaltwege sind so kurz, zumal das Getriebe auch nicht so schön rastet wie bei der Kati. Bei der Gelegenheit wird aber wieder ein Vorteil dieses Motors sichtbar.
Ist überspitzt gesagt eher belanglos in welchem Gang man ihn bewegt. Nur wenn mann ihm eine ansehnliche Leistung entlocken muß rät der Eingeweihte: "rechtzeitig anmelden", wie Bardo es ausdrückt.
Ein Schwarm CO- abhängiger Junkyfliegen verfolgt uns und kommt voll auf seine Kosten als wir uns in der Schlammwiese am Fluss verheddern.
thumbs/polen10.jpg Zurück wollen wir aus Prinzip nicht, vor uns liegt aber ein garstiger Graben gefolgt von einer leicht einzustufenden Steilauffahrt, sehr steil, nur wenige Meter Anlauf und dann noch Hindernisse an brisanten Stellen.

Traktion- dieses magische Wort sollen wir heute abend noch bei Alkhol und Tabak in Augenschein nehmen. Peter gibt auch an dieser Stelle dazu Anlaß indem er aus dem Stand mit einem Gasstoß die Maschine über diesen Matschgraben hüpfen lässt. Bardo und ich hatten uns dort vorher mehr oder minder mühsam durchgewühlt.

Das machen wir jetzt aber nicht mit der Steilauffahrt ist mein erster Gedanke! Ein bisschen Angst habe ich schon dass dieser Ignorant, dieser von Mitternachtssonne und Nordlicht, von Tourismus und den Sonnenölgeruch Gepeinigte hier einfach hochdrischt! Nein.
Nach einer kleinen Begehung findet Bardo einen Ausweg aus dem Dilemma, auf dem Hof des Bauern endend der uns seit einiger Zeit bei unserem Treiben von seinem Kompost aus mit einer Mistgabel in der Faust beobachtet.
Wir konnten mit dem Schlimmsten rechnen als er uns auf seinem Grund empfängt- jedoch weist er nur den Weg wo wir Land gewinnen können. Es gibt doch noch vernünftige Menschen außer uns, Danke!
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thumbs/martin2.jpg Total fertig, die Wasserflaschen leer und ausgehungert suchen wir bei einsetzendem Gewitter ein kleines Dorf ... mit Sitzimbiß auf. Zum Glück kann man hier auch bei Regen draußen sitzen aber auch hier sind wir für unsere Mitmenschen eine Herausforderung, um es mal politisch auszudrücken.
Verschlammte, muchtig zerstochene Brüder. Wir lassen es uns schmecken.

Bei genauerem Hinsehen schwanken wir schon jetzt was das draussen schlafen angeht. Wir haben keine Plane gegen Regen und die Viecher sind überall abartig auf Zack. Trotzdem rüsten wir materiell gesehen weiter auf. Wir erwerben einen Subrovka und eine Flasche Wein für Peter, Bockhutzen und Brot. So bepackt heizen wir noch sehr geil die Gegend bis uns durch den latenten Regen und Donner das Streben nach einer Hütte nahegelegt wird.
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thumbs/polen20.jpgthumbs/polen21.jpgthumbs/polen17.jpg Und hast Du nicht gesehen kommen wir zu einer Art Pferdehof mit Finnhütten wo wir tatsächlich für eine Nacht bleiben können für 6 € pro Nase. Sehr gelöst ist nun die Stimmung, wir fahren zum Essen ganz gepflegt ins Dorf und lassen uns auch ziemlich Bier bringen (Bardo und ich) während Peter sich mit einer Miniportion Rotwein begnügen muß. Damit haben die hier nicht viel am Hut, mit Wein, meine ich!
Die Nacht auf dem Hof wird kurz wie verängnisvoll. Angetrunkene Jugendliche polnischer Herkunft begrüßen zu später Stunde angetrunkene Väter und drängen ihnen des grottigsten Fusel ein paar Saftbecher voll auf.
Es geht mir sehr schlecht am Sonntag, ich muß extrem aufpassen wenn davon überhaupt gesprochen werden kann. Wir gurken in ein Nest mit Kirche und Kneipe die zum Glück schon öffnet und wo wir endlich was in die Wänster kriegen und sei es die Suppe aus Därmen eines anderen Rindviehs (Fleku), auch Kaffee im Glas.

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thumbs/peter2.jpgthumbs/peter4.jpgthumbs/peter7.jpg Mann! Das es uns mal so gut geht und wir so wunderbare Gegenden in erreichbarer Entfernung haben- ein Riesenglück ist das! Im Herbst läd Peter zum Vorpommern ein, da schlägt das Herz höher, schon jetzt!



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Fotos:
Martin Pentax SLR/
Peter DigiOlympus
Text: Martin
thumbs/polen30.jpg Tourdaten:

Länge: ca. 350km (davon 300km Gelände) von Frankfurt bis Frankfurt
Verbrauch: zwischen 5 und 6 Litern

Zeit: 9h am ersten Tag; 5h am zweiten Tag

Verluste: eine Befestigungsschraube Kettenrad LC4 Tachowelle LC4 (normaler
Verschleiß); Plastikschutz an meinem Crosstiefel; Führungsschiene für Gabelprotektor LC4; ein Zurrgurt

  
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