Die Kälberstrick- Gurke

Wenn man etwas charakteristisches über Martin sagen will, kann man nicht umhin, ein paar Zeilen über etwas zu verlieren, das in eingeweihten Kreisen auch Gurke genannt wird.
Gurken sind, je nach Betrachter, kleine Unzulänglichkeiten, Nachlässigkeiten oder auch Innovationen des Augenblicks. Manche haben etwas weitreichendere Folgen, andere sind nur eben für den Augenblick gut und wenn man nicht genau hinguckt, hat man sie auch schon verpasst. Gurken können die Weiterfahrt sichern, wo man schon nicht mehr daran glaubte, und damit  anerkennendes Raunen auslösen, können aber auch genauso gut für wochenlanges Kopfschütteln sorgen.
Es ist nun nicht etwa so, dass Martin als einziger Gurken fabrizieren würde. Dem ist nun ganz und gar nicht so. Auch sind es nicht die Schlimmsten, die er auf seinem Konto vermelden kann. Es sind aber doch ganz besondere Exemplare:

Zum Beispiel die Sache mit dem Kälberstrick:
Es ist schon eine geraume Zeit her, da fuhren wir Motorräder, die zwar gut fuhren, aber eben nicht überall. Einer von diesen Plätzen, die diese
Motorräder nicht gut befuhren, waren die großen Gebiete, die übrigbleiben, wenn man von Mecklenburg einmal die Strassen abzieht.
Zugegeben, es ist eine
etwas hypothetische Vorstellung, aber wenn man sich in Gedanken einmal darauf einlässt, wird einem plötzlich klar, dass man gewaltig etwas verpasste, würde man sich nur auf den schmale Asphaltbändern bewegen.
Diese Motorräder, offizielle Bezeichnung ETZ 250 waren nun aber ziemlich gutmütige Gesellen und so konnten wir lange Zeit ungestraft ausprobieren, wo denn nun die Grenzen der Technik zu ziehen seien. Und wer hätte das gedacht:wir steckten sie ständig weiter.
Wir drehten am Gas und schlitterten und
drifteten, überquerten liegende Bäume und durchquerten Bäche. Es war harte körperliche Arbeit und wurde mit Muskelkater und gutem Nachtschlaf belohnt. Eines Tages, als Martin wieder einmal dabei war, die Grenzen in die Schranken zu weisen und sich zu diesem Zweck durch ein Stück aufgewühlten Sandes arbeitete, ergab sich wie aus heiterem Himmel die Gelegenheit, über
eine Bodenwelle das Vorderrad zu "lüften", was bei uns immer ein besonders sportliches Gefühl auslöste. Er nutzte diese Gelegenheit (logisch). Ebenso aus heiterem Himmel versagten dabei die Anschlagringe der Telegabel, deren Inneres mit samt einem Liter öl sich plötzlich  im Sand wiederfand. Das Vorderrad, einmal "gelüftet", strebte von dannen und so nahm das sportliche Gefühl schnell Reißaus und machte dem Schmerz Platz, der sich einstellt, wenn man mit dem Brustkorb auf den Lenker schlägt.

Nach nicht näher quantifizierter Zeitspanne machte sich Martin zu Fuß auf den Weg nach Hause um Hilfe zu holen. Soweit kein schöner Vorfall, aber auch keine Gurke. Was dann kam, trägt allerdings so etwas wie eine Handschrift: Martin hatte sich einen tatkräftigen Helfer aus der Nachbarschaft mitgebracht. Gemeinsam schafften sie es, die ETZ aus dem Sand zu jäten. Martin wischte mit einem Lappen den Sand von den öligen Standrohren, klaubte auch die Federn aus dem Sand und steckte alles an Ort und Stelle wieder zusammen. So konnte er langsam nach Hause fahren. Dort gab es ein Problem: Er wollte doch am Wochenende fahren! Rasch analysierte er die Situation und
kam zu dem Schluss, dass seine und eine funktionstüchtige Telegabel nur 2 Dinge voneinander trennten: 1 Liter Öl und ein Anschlag, damit die Rohre nicht wieder rausflutschen konnten. Gesagt getan: Das Öl wurde aufgefüllt und ein externer Anschlag aus einem Stück alten Kälberstrick (Hanfseil) angeknotet. Ein bisschen "finetuning" und die Gabel funktionierte wie früher. Nach anfänglicher Skepsis seinerseits war auch bald der Praxistest bestanden. Wir fuhren wie immer durch Wälder Wiesen und Felder. Aus meinem anfänglich entrüsteten Amüsement war ein stilles inneres Schmunzeln geworden, das sich immer dann meiner bemächtigte, wenn ich bei einem Seitenblick den Kälberstrick an der Gabel verzweifelt seine Arbeit tun sah.
Erst nach einem halben Jahr trennte sich Martin schweren Herzens von seinem geistigen Eigentum und ließ die Gabel
in einer Werkstatt überholen.


Leider keine Fotos!

#Diese Geschichte wurde dem betroffenen im Dezember 2004 von Bardo übermittelt und durch ihn (den Betroffenen) hier hingebracht.#